Überschätzen der Bedeutung der Bilanz – eine gefährliche Falle

Weltwirtschaftskrise_Teil 1

Die Welt wird derzeit von einer erneuten großen Weltwirtschaftskrise bedroht. Der Grund: Banken, Finanzbehörden und Regierungen schrecken immer mehr davor zurück, Kredite und finanzielle Hilfen zu gewähren. Um ihren eigenen Kopf zu retten, stoppen sie den globalen Geldflusses. Wie können wir verhindern, dass die Welt in eine globale Rezession rutscht?

2013 – Ein gefährliches Jahr für Japan, die USA und Europa

Die Bilanz

Die Bilanz ist ein Werkzeug, um die finanzielle Situation eines Unternehmens, eines Haushalts oder einer anderen Wirtschaftseinheit zu beurteilen. Sie zeigt das Vermögen eines Unternehmens und wo es seine Mittel investiert hat. Die Bilanz gliedert sich in zwei Spalten, die Soll-Spalte auf der linken Seite für Vermögenswerte und die Haben-Spalte auf der rechten Seite für Verbindlichkeiten, die Schulden und Kapitalanlagen enthält. Der Name „Bilanz“ bezieht sich auf das Gleichgewicht zwischen der linken und der rechten Spalte. Wenn die Geschäfte schlecht laufen und wenig Einnahmen gemacht werden, ist es aus Sicht der einzelnen Unternehmen und Haushalte sinnvoll, Schulden abzubauen. Wenn das aber die gesamte Wirtschaft tut, stagniert der Geldfluss. Dann verschlechtert sich die Wirtschaftslage noch weiter. Volkswirte sprechen vom „Trugschluss der Verallgemeinerung“.

Eine weltweite Wirtschaftskrise zeichnet sich ab

Menschen warten in langen Schlangen auf ein kostenloses Essen. Männer in Anzügen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, protestieren auf der Straße. Sie halten Schilder hoch, auf denen steht: „Gebt uns Arbeit!“ Andere stürmen die Banken, um ihre Ersparnisse abzuheben.

Zu solchen Szenen kam es während der großen Weltwirtschaftskrise von 1929. Die Bilder könnten schon bald wieder Realität werden. Die Weltwirtschaft bewegt sich in Richtung einer Depression. Die Situation wird immer schlimmer.

Im finanziell gebeutelten Griechenland hat die Arbeitslosigkeit eine Rate von 25 % überschritten und die Polizei musste einschreiten, als die Straßen voller wütender Protestanten gegen Steuererhöhungen und den Stellenabbau bei der Regierung waren. Nach Prognosen wird der Bankrott der vier südeuropäischen Länder, darunter Griechenland, die Weltwirtschaft 17,16 Billionen Euro bis zum Jahr 2020 kosten (Anmerkung 1).

Griechenland ist nicht der einzige Krisenherd. Mit fast 8 % haben die USA ebenfalls ein hohes Maß an Arbeitslosigkeit erreicht. Die sogenannte „Fiskalklippe“ könnte durch Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen zu weiteren Verschlechterungen führen. 20 % der Amerikaner benötigen bereits Lebensmittelmarken. Wenn es so weitergeht, müssen noch mehr Menschen hungern.

In Japan ist die Situation ähnlich ernst. Sollte die Politik tatsächlich, wie beschlossen, die Verbrauchssteuer erhöhen, werden wohl mehr als 3.000 Unternehmen ins Schwanken geraten. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger wird auf 1 Million Menschen steigen (Anmerkung 2). Als im Jahr 1997 die Verbrauchssteuer um 2 % stieg, erhöhte sich die Selbstmordrate um 30 %, und übertraf zum ersten Mal die Zahl 30.000 Personen. Wenn sich die Steuer auf den Verbrauch verdoppelt, kommt Japan nicht so leicht heraus wie 1997.

Die drei führenden Weltwirtschaftsmächte, Japan, die USA und Europa, drohen derzeit gleichzeitig in eine Rezession zu stürzen. Das Ergebnis wäre eine Krise, die Depressionen, die Konkurse, Arbeitslosigkeit, Selbstmorde, politisches Chaos und Konflikte mit sich bringen wird.

Anmerkung 1: Berechnung durch Bertelsmann

Anmerkung 2: Auswirkungen berechnet vom Wirtschaftswissenschaftler Seiji Ono, auf der Grundlage eine 10%-Steuer auf den Verbrauch über einen Zeitraum von 5 Jahren („Shukan“-Post, Ausgabe vom 7. Juli 2012)

Nur die Bilanz zu sichern, drückt die Weltwirtschaft nach unten

Aber warum ist die Weltwirtschaft in einem solch katastrophalen Zustand? Der Grund liegt darin, dass Banken, Finanzbehörden und Regierungen einen selbstsüchtigen Weg gegangen sind. Wie Geizhälse versuchen sie, ihren eigenen Geldbeutel zu schützen.

Seit Beginn die Rezession haben Banken weniger Kredite gewährt. Sie versuchten so, das Risiko von Forderungsausfällen zu verringern. Finanzbehörden haben Regeln aufgestellt, um schlechte Bankbilanzen zu verhindern. Die Regierungen haben ihre Ausgaben gekürzt. So sinnvoll Sparmaßnahmen im Einzelfall sein mögen, wenn alle diesen Weg gehen, stagniert die Wirtschaft.

Um der Welt aus dieser Krise zu helfen, müssen wir Möglichkeiten finden, das Geld wieder zum Fließen zu bringen. Dies ist für die gesunde Entwicklung einer globalen Gesellschaft mit bald 10 Milliarden Menschen absolut unerlässlich.

Die folgenden Abschnitte skizzieren kurz die wirtschaftliche Lage der zehn stärksten Länder der Erde.

Die Weltwirtschaft befindet sich am Rande einer weiteren großen Krise

Die USA

Wirtschaftswachstum (Anmerkung 1)

2012    2013    2014

2.2%    2.0%    2.8%

Die US-Wirtschaft zeigt Anzeichen der Erholung. Im Februar 2013 sank die Arbeitslosenquote auf 7,7 %. Doch ist der Zustand der Wirtschaft noch zerbrechlich. Wenn wir die Zahl der Unterbeschäftigten und der entmutigten Erwerbsfähigen hinzuzählen, wird die Arbeitslosenquote wohl bei etwa 15 % liegen. Darüber hinaus führt die Haushaltssperre des Kongresses seit März 2013 möglicherweise zum Verlust von 750.000 Arbeitsplätzen. Weitere drastische Ausgabenkürzungen könnten die Genesung der US-Wirtschaft zunichte machen.

Japan

Wirtschaftswachstum (Anmerkung 1)

2012    2013    2014

1.6%    0.7%    0.8%

Japans Politiker haben trotz Deflation und Rezession, die das Land seit Jahren quälen, beschlossen, die Verbrauchssteuer im Jahr 2014 zu erhöhen. Damit wird der Konsum weiter zurückgehen. Japans Wirtschaft wird einen weiteren Rückschlag erleben. Für den Fall einer Anhebung auf 10 % prognostizieren Schätzungen, dass das japanische Bruttoinlandsprodukt um 2,5 % sinken und mehr als 1 Million Menschen ihre Jobs verlieren werden (Anmerkung 2).

Euro-Zone

Wirtschaftswachstum (Anmerkung 1)

2012    2013    2014

-0.4%  -0.1%  1.3%

Aufgrund von Sparmaßnahmen, die während der Rezession eingeführt wurden, verschlechtert sich die Lage der europäischen Wirtschaft weiter. Die Banken vergeben kaum noch Kredite, was den Unternehmen das Investitieren erschwert. Europas Wirtschaft steckt in einem Teufelskreis. Dem Purchasing Managers Index (PMI) zufolge sinkt das Vertrauen der Unternehmer in die Euro-Zone seit 16 Monaten kontinuierlich (Anmerkung 5).

China

Wirtschaftswachstum (Anmerkung 1)

2012    2013    2014

7.5%    8.5%    8.9%

Oberflächlich betrachtet sieht Chinas Wirtschaftswachstum stabil aus, tatsächlich aber stellen Staatsanleihen und faule Kredite der Banken ein ernstes Problem dar. China reagierte auf die Finanzkrise mit Maßnahmen zur Konjunkturerholung. So wurden die Banken gezwungen, den lokalen Behörden Darlehen zu gewähren. Das blähte Chinas BIP künstlich auf. Es hat sich eine Immobilien-Blase gebildet. Eine große Anzahl von Geisterstädten ist entstanden. Durch die Kredite hat die kommunale Verschuldung fast 50 % des BIP des Landes erreicht (Anmerkung 3). Gemäß einiger Schätzungen sind bei Chinas Banken die Forderungsausfälle auf bis zu 200 Billionen Yen angestiegen sind (Anmerkung 4).

Anmerkung 1: das reale BIP-Wachstumswachstum; jährliche Prognosen durch den OECD-Wirtschaftsausblick (27. November 2012)

Anmerkung 2: Schätzungen von Forschern der „Confederation of Labor“

Anmerkung 3 – Magazin „Diplomat“ zum Zeitgeschehen im Raum Asia-Pazifik (10. September 2012)

Anmerkung 4 – Vorhersagen von Masahiro Miyazaki, ein Chinaspezialist von der Nachrichtenwebsite „Zakzak“ (11. Oktober 2012)

Anmerkung 5 – Purchasing Managers Index (PMI) – ein Indikator für die wirtschaftliche Gesundheit des verarbeitenden Gewerbes. Der PMI-Index basiert auf fünf wichtigen Indikatoren: neue Aufträge, Lagerbestände, Produktion, Lieferanten-Lieferungen und die Beschäftigungssituation.